Funktionelle Obstipation/Verstopfung im Kindesalter
Teil 2 Diagnostik
Im Teil 1 erklärte ich, was unter einer funktionellen Obstipation im Kindesalter zu verstehen ist und führte mehrere Ursachen an. Wenn das große Geschäft zur Qual wird Teil 1
In diesem Beitrag sehen wir uns einmal zusammen die möglichen Untersuchungen an.
Die Diagnostik orientiert sich an den vorhandenen Beschwerden und kann meistens ambulant durchgeführt werden.
Die erste entscheidende Frage ist, wann die Beschwerden zum ersten Mal aufgetreten und dann geblieben sind.
1. Beginn im Neugeborenen- und Säuglingsalter
2. Ab dem 2. Lebensjahr (> 12 Monate)
Dabei muss in beiden Altersgruppen stets auf die Warnzeichen für organische Ursachen geachtet werden.
Obstipation mit Beginn im Neugeborenen- oder frühen Säuglingsalter
Wichtig zu wissen ist, dass gestillte Kinder in einigen Fällen sehr selten den Darm entleeren. Stuhlpausen bis zu 14 Tagen sind dabei völlig normal, wenn die Kinder dabei keinerlei klinische Auffälligkeiten haben, der Bauch flach ist und das Trinkverhalten und Gedeihen normal. In diesen Fällen sollten unnötige Untersuchungen und anorektale Manipulationen vermieden werden!
Achtung vor falscher Panik!
Wenn der Stuhl normal weich ist, so beobachten viele Eltern, dass das Kind trotzdem stark drückt, der Kopf rot wird, die Beinchen angezogen werden. Manche Kinder weinen, grunzen oder knurren dabei. Das Verhalten ist meistens völlig normal. Erwachsene nutzen zur Darmentleerung (unbewusst) die Bauchpresse durch Anspannen der Bauchmuskulatur. Das versucht das Baby auch. Es baut Druck im Bauch auf, aber manchmal klappt gleichzeitige die Entspannung des Beckenbodens noch nicht. Ich habe in der Sprechstunde einige Eltern, die dann z.B. mit dem Fieberthermometer helfen, indem sie es in den After stecken und damit einen Reiz auslösen. Häufig wird ihnen dieses sogar empfohlen. Dieser Rat ist aber nicht gut, denn die Manipulation kann nicht nur zur Verletzung an der Darmschleimhaut führen, sondern durch diese Manipulation gewöhnt der Darm sich an den Reiz von außen und das Kind erlernt nicht die ganz normale Stuhlausscheidung. Das führt wiederum zur Verstopfung! Darum die Bitte: Ist der Stuhl weich und das Kind scheidet diesen, zwar mit Weinen und hochrotem Kopf aus, dann ist alles o.k.! Ist die Stuhlkonsistenz hingegen hart, das Pressen erstreckt sich über sehr langer Zeit, die Stuhlausscheidung spontan unterbleibt aber und der Bauch ist fest, dann besprich das unbedingt mit deinem Kinderarzt! Mache auch ein Video von dem Verhalten.
Auffällig ist, wenn das Mekonium (Kindspech, erste Darmentleerung eines Neugeborenen) nicht innerhalb von 48 h ausgeschieden wird, die Stuhlfrequenz selten ist und der Bauch fast immer sehr vorgewölbt ist, das Kind sogar erbricht und/oder nicht richtig gedeiht. In diesem Fall muss eine erweiterte Diagnostik erfolgen, denn im Säuglingsalter ist eine funktionelle Obstipation kaum vorhanden.
Im ersten Teil zu diesem Thema führte ich verschiedene Ursachen auf, die zu einer Verstopfung führen können. Hier möchte ich jetzt davon nur eine Ursache noch einmal herausstellen. Diese Ursache ist wichtig für die Diagnostik und anschließend auch für die Therapie und gar nicht so selten.
Bei einer Obstipation in den ersten beiden Lebensjahren kann eine nicht-IgE-vermittelte Kuhmilchallergie mit allergiebedingter Motilitätsstörung die Ursache sein. Was das ist, habe ich in diesem Artikel genau erklärt: Allergie auf Kuhmilch
Hat man den Verdacht, dass Kuhmilch die Beschwerden auslösen könnte, dann sollten dies Produkte für mindestens 14 Tage vollständig gemieden werden. Stellt sich eine normale Darmentleerung ein, dann können Milchprodukte noch einmal verabreicht werden. Kommt es erneut zu den Stuhlausscheidungsbeschwerden, dann gilt die Diagnose als gesichert. Laboruntersuchungen auf IgE-Antikörper zum Ausschluss einer Kuhmilch-Allergie sind nicht hilfreich!
In meiner Sprechstunde habe ich immer wieder Kinder, die viel zu viel Milch und Milchprodukte am Tag konsumieren.
(s. auch dazu folgende Beiträge: Mein Kind isst zu wenig). Häufig reicht es bei diesen Kindern schon die Milchmenge auf die empfohlene Tagesmenge zu reduzieren und die Darmentleerung normalisiert sich.
Obstipation mit Beginn ab dem 2. Lebensjahr
Die genaue Krankengeschichte ist extrem wichtig für die Diagnostik. Warnzeichen müssen ausgeschlossen werden. Hinweise für eine funktionelle Störung sind ein Beginn mit der Sauberkeitsentwicklung, nach Irritationen des Afters (z. B. durch Hautinfektionen) oder nach Manipulationen am Darmausgang.
Mögliche Auslöser einer funktionellen Obstipation im Alter zwischen 1 und 5 Jahren sind
• Akute Obstipation mit Schmerzen bei der Stuhlentleerung durch harte
Stuhlkonsistenz (z. B. als Folge von Fieber, Flüssigkeitsmangel,
falsches Toilettentraining)
• Willkürlicher Stuhlverhalt bei Nichtverfügbarkeit einer Toilette; Toilettenphobie
• Entzündung der Haut um den After herum, Einrisse am After (z.B. durch harte und große Stuhlballen)
• Regelmäßige Manipulationen am Anus (Temperaturkontrollen, Zäpfchen, Einläufe)
• Sexuelle Misshandlung
Ganz typisch für eine funktionelle Obstipation
Hinweise auf eine funktionelle Entleerungsstörung sind Stuhlgang-vermeidendes Verhalten durch Überstreckung, Beine überkreuzen oder Anspannung der Gesäßmuskulatur (Kneifen), Fersensitz usw..
Wichtig ist die Frage nach Stuhlkonsistenz und Kaliber. Häufig ist der Stuhl sehr hart und die Stuhlmasse so großkalibrig, dass man sich wundert, dass ein kleines Kind dieses überhaupt produzieren kann. Hilfreich zur Beschreibung der Konsistenz ist die Bristol Stool Form Scale .

Hat man bei der Befragung wichtige Ursachen ausgeschlossen, ist die Entwicklung des Kindes unauffällig und zeigen sich bei der anschließenden körperlichen Untersuchung mit Ansehen des Darmausganges keine Auffälligkeiten, so ist eine rektale digitale Untersuchung (Austasten des Afters und des Enddarmes mit dem Finger) routinemäßig nicht erforderlich, denn das kann zur weiteren Traumatisierung des Kindes führen.
Die Ultraschalluntersuchung zeigt sehr gut, wie ausgeprägt der Darm mit Stuhl gefüllt ist. Entscheidend ist dabei auch die Weite des Enddarms, die im Ultraschall gemessen werden kann.
Bei hartnäckiger Verstopfung sollte einmalig eine Laborkontrolle durchgeführt werden, insbesondere wenn die ersten Empfehlungen gut umgesetzt worden sind und nicht zur Linderung der Beschwerden führen. In dieser Untersuchung wird u.a. eine Zöliakie (Unverträglichkeit von Gluten) und eine Schilddrüsenunterfunktion ausgeschlossen. Zusätzlich sollte einmalig die pankreatische Elastase im Stuhl bestimmt werden. Dieser Wert überprüft die Leistungsfähigkeit der Bauchspeicheldrüse und zeigt, ob genügend Verdauungsenzyme für Fette, Eiweiße und Kohlenhydrate zur Verfügung stehen.
Bitte nicht!
Folgende Untersuchungen sind beim Fehlen von Warnzeichen bei der funktionellen Obstipation nicht sinnvoll:
• Röntgenuntersuchung des Bauches
• Laboruntersuchungen zur Kuhmilchallergie
• Darmspiegelung
• Manometrie (z.B. zum Ausschluss von M. Hirschsprung)
• Rektale Biopsien
• Kolon-Kontrast-Untersuchungen
• MRT-Untersuchungen
• Kolon-Szintigraphie
• Kolon-Transit-Studien
Der Kinderarzt sollte immer der erste Ansprechpartner bei dieser Problematik sein! Natürlich ist dieses Krankheitsbild auch ein Schwerpunkt der Kindergastroenterologie. Wichtig ist es die Warnzeichen zu ermitteln. Liegen diese nicht vor, dann ist es aber genauso wichtig, das Kind vor unnötige Untersuchungen zu schützen und schnell eine effektive Therapie zu starten.
Dazu mehr im nächsten Beitrag!
Quelle: Funktionelle (nicht-organische) Obstipation und Stuhlinkontinenz im Kindes- und Jugendalter https://register.awmf.org/assets/guidelines/069-019l_S2k_Funktionelle-nicht-organische-Obstipation-Stuhlinkontinenz-im-Kindes-und-Jugendalter_2022-04.pdf
Das Titelbild wurde mit Chat GPT erstellt, die Scale findet sich u.a. bei med-know.org

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