Besorgt sitzt eine Mutter vor mir. „Mein Kind isst kaum etwas!“
Es folgen meinerseits einige Fragen:
„Hat Ihr Kind Krankheitszeichen, wie Fieber, Durchfall, Erkältungszeichen, Schmerzen, einen auffälligen Bauchumfang, Verstopfung, Schmerzen beim Wasser lassen?“ oder einfacher gefragt: „wirkt ihr Kind auf Sie, abgesehen vom Essverhalten, krank?“
„Hat Ihr Kind sich bisher gut entwickelt? Gab es Auffälligkeiten bei den Vorsorgeuntersuchungen?“
„Nimmt Ihr Kind an Gewicht und Länge zu? Hat es an Gewicht verloren?
„Wie verhält ihr Kind sich? Spielt und tobt es herum oder schläft es viel, muss ich häufig ausruhen?“
Sollte nur eine Antwort auf die oben gestellten Fragen auffällig sein, dann muss gezielt weiter nachgeschaut werden, ob das Kind gesund ist. Dabei hilft dein Kinderarzt/deine Kinderärztin.
Die besorgte Mutter antwortet aber: „Nein, das Kind ist sogar sehr aktiv. Es tobt den ganzen Tag herum, ist fröhlich. Wenn die anderen Kinder im Kindergarten krank sind, dann ist auch mein Kind krank, aber das ist nicht besonders häufig. Bei den Vorsorgeuntersuchungen ist bisher alles in Ordnung gewesen. Eigentlich wäre alles gut, wenn das Essen nicht wäre.“
Die Mutter beschreibt, dass morgens gefrühstückt würde, dann erhält das Kind Essen im Kindergarten, abends Abendbrot. Morgens würde höchstens einmal ins Brot gebissen, abends kaum was vom Abendbrot genommen. „Dabei gebe ich mir so viel Mühe!“
Die Mutter berichtet weiter, dass die Erzieherinnen im Kindergarten nichts davon berichtet hätten, dass das Essen ein Problem wäre. Ein bisschen Zweifel kann man aber aus der Stimme der Mutter schon heraushören. „Ich kann das ja nicht genau sagen, ich sehe das ja nicht.“
Ich lasse mir berichten wie eine Abendmahlzeit aussieht und die Mutter erzählt von einem frisch zubereiteten Abendessen für die Familie, meistens gibt es warmes Essen.
„Und dazwischen?“ Verwirrt schaut mich die Mutter an. „Was gibt es zwischen den Hauptmahlzeiten zu essen?“ möchte ich gerne wissen. „Sie haben noch gar keine Süßigkeiten oder kleine Zwischenmahlzeiten erwähnt. Gibt es so etwas nicht am Nachmittag oder am Wochenende? Und was trinkt ihr Kind und vor allem, wie viel?“
Die Mutter berichtet von verschiedenen Snacks, die gereicht würden. Davon würde das Kind aber auch ganz selten was naschen. Die Mutter bleibt besorgt, ich verwirrt, denn bisher kann ich nicht ermitteln, wie viel das Kind über den Tag tatsächlich an Nahrung zu sich nimmt.
Zum Glück ist der kleine Junge mit im Behandlungszimmer, scheint gesund und vergnügt. Er ist altersentsprechend groß und auch das Gewicht entspricht dem Alter, obwohl der Junge wirklich sehr schlank erscheint. Ich untersuche ihn und kann keinen auffälligen Untersuchungsbefund zum jetzigen Zeitpunkt feststellen. Natürlich verzichte ich aktuell auf weitere Diagnostik, stattdessen bekommt die Mutter eine herausfordernde Hausaufgabe. Sie soll an zwei Tagen innerhalb der Woche und an einem Tag am Wochenende ALLE Dinge, die das Kind isst und trinkt genau mit Angaben der Menge aufschreiben. So lässt sich dann nämlich genau ermitteln, ob dass Kind ausreichend mit Kalorien versorgt ist.
Häufig entsteht der Eindruck, dass ein Kind zu wenig isst, da das Essverhalten bei den einzelnen Mahlzeiten so eindrücklich in Erinnerung bleibt (z.B. der einzelne Biss in das Brot, der Rest wird nicht angerührt), die gesamte Kalorienzufuhr über den Tag aber gar nicht klar ist. Insbesondere Zwischenmahlzeiten werden nicht mit einberechnet. Diese werden häufig angeboten, mit dem Gedanken, dass das Kind noch nicht ausreichend gegessen hat. Aus einigen der mir vorgelegten Protokollen wird sichtbar, dass die Kalorienzufuhr innerhalb der „Zwischenmahlzeiten“ höher oder zumindest gleichwertig ist, verglichen mit den „Hauptmahlzeiten“. Der Unterschied ist allerdings, dass nicht selten ungünstige Lebensmittel den Kindern als Snack gereicht werden. Viele dieser Lebensmittel haben hohen Zuckeranteil oder sind mit zu viel gehärteten Fetten hergestellt.
Hinzu kommt, dass die Kinder durch andere Aktivitäten vom Essen abgelenkt sind. Während des Spielens oder des Medienkonsums wird das Essen nebenbei aufgenommen. Sowohl die Nahrungszusammensetzung, als auch die Art und Weise der Nahrungsaufnahme haben Einfluss auf unsere Gesundheit! Der Gedanke: „Hauptsache mein Kind isst was“, führt zur unkontrollierten Nahrungsaufnahme und das Kind wird gleichzeitig daran gewöhnt, nicht am Tisch die Hauptmahlzeit einzunehmen. Die Zwischenmahlzeit wird zur Hauptmahlzeit und umgekehrt.
Aber, wie groß muss eigentlich eine Kinderportion sein? Wonach richtet sich die Menge, die dein Kind täglich essen sollte?
Hierzu gibt es die „Handmaß-Regel!
Die genaue Menge in Gramm ist dabei gar nicht so wichtig. Kinder haben sehr unterschiedlich viel Hunger und essen mal weniger und futtern dann mal richtig viel, beides ist – solange das Gewicht im Rahmen bleibt – völlig in Ordnung.
Die Grundregel lautet: Die Eltern entscheiden was zu essen angeboten wird. Die Kinder entscheiden, was und wie viel sie davon essen.
Was bedeutet also Handmaß-Regel?
Alles, was in EINE Hand passt, ist eine Portion, zwei Hände zur Schale gehalten sind das Maß für zerkleinertes oder kleinstückiges Gemüse oder Obst (z.B. Kirschen, Erdbeeren) sowie Salat.

Die Menge an Fleisch und Fisch richtet sich nach der Handfläche ohne Finger!

Süßigkeiten und Knabbereien müssen in einer Hand Platz haben.
Somit ändert sich mit dem Wachstum auch die Menge, die das Kind am Tag verzehren darf.
Wie sich aber über den Tag hinweg die Mahlzeiten zusammensetzen sollten, gilt genau so für Kleinkinder, wie auch für uns Erwachsene. Dazu findest du in meinem Blog einen anderen Beitrag!

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